Fragen an Andreas Winterhalter

Sie sorgen für Töne, Klang und Atmosphäre in den Gemeinden – die Kirchenmusiker. Künstler sind sie, Pädagogen, Theologen, Veranstalter und Standbein des Gemeindelebens. Vielleicht mehr als das gesprochene Wort erreicht das musizierte Wort die Seele. Was treibt die „unsere“ Musiker an? Achtzehn Fragen haben wir ihnen gestellt.

 

 

Andreas Winterhalter

Andreas Winterhalter, 51 Jahre alt, Lieblingskomponisten: Beethoven, Brahms, Rachmaninov

Worauf kommt es Ihnen als Chorleiter an?

Dass die Menschen gern kommen, weil ihnen die Gemeinschaft und die Musik am Herzen liegt, und dass am Ende das klangliche Ergebnis in Gottesdienst und Konzert den Menschen zur Freude und Gott zur Ehre gereicht.

Was ist für Sie gute Musik?

Gute Musik ist für mich Musik, die sich nicht abnutzt. Musik, die beim 100. Hören noch spannend, freudig oder traurig ist. Das können durchaus Stücke sein, die sich einem nicht sofort erschließen, aber nach langer Zeit immer wieder neue Elemente aufleuchten lassen. Gute Musik setzt auch Assoziationen frei, lässt Bilder, Situationen, Gerüche und Geschichten auftauchen.

Welche Musik und/oder welcher Musiker inspiriert Sie?

Generell ist der Austausch mit anderen Musikern inspirierend. Dabei ist es unerheblich, ob es ein Gespräch oder das gemeinsame Musizieren ist. Insbesondere waren es immer Lehrer, die mich inspiriert haben. Meine erste Klavier- und Orgellehrerin, Marianne Brunken, mein Chorleitungsprofessor, Wolfgang Helbich, aktuell meine jetzige Klavierlehrerin, Mariya Kim.

CD oder Spotify?

Ganz klar CD. Das Rundumpacket mit einem schön gestalteten Beiheft, in dem Informationen zu Komponisten, Werken und Ausführenden zu finden sind, gehört für mich zum Hörgenuss dazu.

Kopfhörer oder Lautsprecher?

Lieber Lautsprecher. In meinem Arbeitszimmer habe ich in jeder der vier Ecken einen Lautsprecher stehen, was einen super guten räumlichen Klang ergibt. An den Kopfhörern stört mich das Eingesperrt-Sein.

Klatschen in der Kirche – was halten Sie davon?

Wenn ein Konzert zu Ende gegangen ist und die Leute begeistert sind, weil ein Funke sie erreicht hat, ein Funke des Gotteslobes, ein Funke von Glaubensgewissheit oder eine Hochachtung vor der erbrachten Leistung, dann bitte gerne klatschen. Das befreit Ausführende und Zuhörer gleichermaßen und lässt sie die Begeisterung mit nach Hause nehmen.

In einem Gottesdienst sehe ich das anders. Ein Gottesdienst ist eine Gesamtleistung und nicht das Darbieten von vielfältigen Einzelleistungen, die beklatscht werden sollten. Das kann nämlich zu Schieflagen führen. Vor etlichen Jahren haben wir mit der Scheeßeler Kantorei „Good news“ zur Konfirmation gesungen. Das Stück ist musikalisch betrachtet sehr simpel gehalten, zumal es mit nur zwei Akkorden versehen ist. kein Problem also für einen erfahrenen Chor. Nach der Aufführung wurde geklatscht. Wenn wir sonst in Gottesdiensten singen, sind das eher Motetten alter Meister, die in Einstudierung und Aufführung komplexer und arbeitsaufwendiger sind. Da wurde noch nie geklatscht. Auch einen Applaus nach einem guten Orgelvorspiel oder nach einer gelungenen Predigt habe ich noch nicht erlebt. Ich meine aber, dass das alles für einen Gottesdienst gleichwertig ist.

Unplugged oder mit elektrischer Verstärkung?

Lieber unverstärkt.

Auswendig oder mit Noten musizieren?

Was den Auftritt eines Chores angeht, erscheinen mir die Noten immer als eine Barriere zwischen Chor und Publikum. Die Wirkung wäre um ein Vielfaches größer, wenn wir die Menschen ansehen würden. Das allerdings von den Sängerinnen und Sängern unserer Kantoreien zu verlangen, wäre wohl zu viel erwartet. Was das eigene Musizieren angeht, bevorzuge ich inzwischen das auswendige Musizieren. Erstens wegen der Barrierefreiheit und zweitens, weil die Musik dann mehr aus mir herausfließt. Dann sind nicht immer alle Töne richtig, aber ich spreche zu meinem Publikum und das muss Musik sein: Dialog mit den Zuhörenden.

Verstärker, Lautsprecher, Mikrophone: Hilfe oder Ärgernis?

Das kommt doch sehr auf die Situation an. Ein Freiluftgottesdienst, bei dem ab der dritten Reihe nichts zu verstehen ist, ist ein Ärgernis, das geht nur mit Mikro. Einen Chor gut zu verstärken, ist eine anspruchsvolle Aufgabe, dann lieber ohne als schlecht gemacht. Die ganzen Rückkopplungen, gegen die ich im Laufe der Jahrzehnte an georgelt habe, waren mir immer ein Ärgernis, ist aber schon lange nicht mehr vorgekommen.

EG (Evangelisches Gesangbuch) oder neue geistliche Lieder?

Zunächst mal: im EG stehen eine ganze Menge neue geistliche Lieder, nahezu völlig unbemerkt von der Öffentlichkeit. Ansonsten hängt es vom Zweck der Nutzung ab. Bei einer Konfirmandenfreizeit ist eine modernere Liedersammlung eindeutig passender. Da kommt mehr Stimmung auf, wenn eingängige Lieder gesungen werden können. Im Gottesdienst ist die Situation eine andere, denn die Stimmung bedingt durch den Raum und die Form eine andere ist. Da gehört nach meiner Auffassung das Gesangbuch mit seinen umfassenden Möglichkeiten hin.

Gibt es einen Qualitätsunterschied zwischen „klassischer“ Kirchenmusik und populärer Kirchenmusik?

Nein. Es gibt auch keinen Qualitätsunterschied zwischen Kirschen und Äpfeln, lediglich Menschen, die lieber Kirschen essen oder eben Äpfel. Gut oder schlecht können sie beide sein.

Welche Kriterien muss Musik erfüllen, damit sie im Gottesdienst ihren Platz haben darf?

Sie muss inhaltlich zu dem Geschehen passen und die Herzen der Zuhörer erreichen.

Richtig oder falsch: Lieber falsch als gar nicht singen.

Auf jeden Fall richtig. Das Singen ist eine der ursprünglichsten Lebensäußerungen. Klatschen oder Tanzen gehören auch dazu. In Gottesdiensten, aber auch bei langen Busfahrten oder auf Freizeiten können durch das Singen Emotionen freigesetzt werden, die sonst verschüttet blieben. Im Fußballstadion wird auch kräftig gesungen ohne, dass jemand nach richtig oder falsch fragt. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der das Singen einen hohen Stellenwert erlangt, damit wir auch an Punkten, die wir gerne verdrängen, die aber doch kommen, den Trost des Singens spüren können, etwa bei Beerdigungen.

Wird die Orgel auch zukünftig in unseren Kirchen das zentrale Musikinstrument bleiben?

Nach meiner bescheidenen Auffassung ist die Orgel im Raum Kirche DAS Instrument zur Begleitung des Gemeindegesanges und DAS Instrument zur Sicherstellung einer feierlichen, erhabenen Atmosphäre in einem feierlichen und erhabenen Raum. Es ist ein atemgeführtes Instrument, das den Gesang sicher und einfühlsam leiten kann. Ich kann mir keine Alternative vorstellen.

Sonntagmorgen als ganz normaler Gottesdienstbesucher: Freuen Sie sich aufs Singen?

Eigentlich schon. Ich habe nur immer berufsbedingte Gedanken: ist der Organist gut und werden die Choräle zu langsam oder zu hochgespielt.

Gibt es Musik, die Sie ablehnen?

Ja.

Wie reagieren Sie wenn jemand sagt: „Ich bin total unmusikalisch“?

Jeder hat verborgene Talente, man muss sie nur zulassen. Und: es ist nie zu spät, sich mit der Musik auseinander zu setzen. Zum Beispiel das Blasen in einem Posaunenchor kann auch noch im fortgeschrittenen Alter erlernt werden. Die ältesten Jungbläser, die ich unterrichtet habe, waren über 60 und haben es alle gelernt.

Üben in dem Sinne sicherlich nicht. Aber eine eingehende Beschäftigung mit den Stücken, etwa durch eine Einführung im Prorammheft ist unbedingt hilfreich. Dadurch können auch musikalisch weniger beflissene Menschen den Gehalt einer Komposition besser erfassen. Klassische Musik hat einen Nachteil: man muss sich mit ihr auseinandersetzen. Wenn man sich aber darauf eingelassen hat, öffnet sich ein schier unendlicher Schatz für die Seele. Probieren Sie es aus!

 

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