Interview mit Simon Schuhmacher

Sie sorgen für Töne, Klang und Atmosphäre in den Gemeinden – die Kirchenmusiker. Künstler sind sie, Pädagogen, Theologen, Veranstalter und Standbein des Gemeindelebens. Vielleicht mehr als das gesprochene Wort erreicht das musizierte Wort die Seele. Was treibt die „unsere“ Musiker an? Achtzehn Fragen haben wir ihnen gestellt.

Simon Schuhmacher

Worauf kommt es Ihnen als Chorleiter an?

Disziplin. Obwohl die Chorsänger einem Hobby nachgehen, haben sie – und auch ich als Kantor – eine Funktion bzw. eine Rolle, und wenn je besser ich in dieser Rolle funktioniere, desto mehr füge ich mich in ein Gesamtwerk (Chorstück, Gottesdienst, Oratorium) ein.
 

Was ist für Sie gute Musik?

Gute Musik ist für mich keine Frage der Stilrichtung. Ein Orgelstück von Bach kann ebenso schlecht sein wie ein lustlos musiziertes Lobpreislied. Mir geht es um Qualität! Um Emotion. Um möglichst gute Voraussetzungen wie Noten, Beleuchtung, der Stuhl des Chorsängers, die Technik der Band usw. Und um Ausführende wie Aufnehmende (z.B. Chor und Gemeinde), die offen für das sein sollten, was sie singen und hören.

Welche Musik und/oder welcher Musiker inspiriert Sie?

Musik, die zu meiner derzeitigen Gemütslage, zu meinen Gedanken und meiner Stimmung passt. Das kann Oratorisches von Mendelssohn Bartholdy sein, Orgelmusik von Buxtehude, Bach und Franck, Lounge- und Chillout oder einfach mal n-joy.

CD oder Spotify?

CD. Weil das Booklet mir meist mehr Hintergrundinformationen liefern kann, Fotos der Ausführenden (immer lustig bei älteren Aufnahmen!) und z.B. die Disposition und Registrierung der Orgel. Und weil CD offline funktioniert.

Kopfhörer oder Lautsprecher?

Es reizt mich manchmal schon, den ganzen Ghettokids mit ihren Bluetooth-Lautsprechern in der Öffentlichkeit mal meinen mit dröhnender Orgelmusik entgegenzusetzen… Im Ernst:

Im Büro und im Wohnzimmer Lautsprecher, im Zug Kopfhörer. Wenn Sie das lesen, hier ein Tipp: je näher die Schallquelle am Ohr, desto höher die Belastung für das Ohr! Daher bevorzuge ich immer „Lautsprecher im Zimmer“, wo sich der Klang an den Wänden reflektiert und so erst lebendig klingt.

Klatschen in der Kirche – was halten Sie davon?

Kirchenmusik ist Verkündigung. In unserer Aufführungskultur des 21. Jahrhunderts und dem ständigen Liken im Internet wird aber alles, was jemand macht, beurteilt und im positiven Fall geliked, beklatscht, honoriert. Da Kirchenmusik auch Kultur ist, ist Klatschen für mich kein grundsätzlicher Widerspruch am Ende eines Konzerts, kann aber einzelne stören und den Spannungsbogen eines Gottesdienstes zerstören. Wenn ich es mir aussuchen könnte: Im Gottesdienst und im Konzert kein Klatschen; nachdem der Schlussakkord verklungen ist dürfen alle Dämme brechen.

Unplugged oder mit elektrischer Verstärkung?

Was besser klingt.

Auswendig oder mit Noten musizieren?

Auswendig. So kann ich die Musik besser fühlen.

Verstärker, Lautsprecher, Mikrophone: Hilfe oder Ärgernis?

Wenn nicht unplugged, dann darf die Technik niemals stören oder das Musizieren behindern! Gerade wir in der Kirche müssen da dringend mehr von den Profis aus Film und Fernsehen lernen!

EG (Evangelisches Gesangbuch) oder eue geistliche Lieder?

Egal. Es muss gut gemacht sein!

Gibt es einen Qualitätsunterschied zwischen „klassischer“ Kirchenmusik und populärer Kirchenmusik?

Wie gesagt, es muss beides gut realisiert werden. Und wie gesagt gibt es in der Vorlage durchaus Qualitätsunterschiede. Oder erinnern Sie noch jeden einzelnen Titel, der auf Ihrer Lieblings-CD von vor 20 oder Ihrer Lieblings-Platte von vor 40 Jahren war?

Welche Kriterien muss Musik erfüllen, damit sie im Gottesdienst ihren Platz haben darf?

Im Gottesdienst sind wir im Dialog mit Gott. Gott und ich. Darum geht es. Nicht um „Atemlos durch die Nacht“ oder eine enttäuschende Beziehungsgeschichte, in der irgendwo das Wort „Halleluja“ vorkommt. Und das müssen wir Ausführenden immer wieder auch den Leuten nahebringen, denn besonders die Wünsche von Angehörigen bei Trauungen und Beerdigungen sprengen immer häufiger den liturgischen Rahmen mit Musik, die definitiv in eine Feier nach dem Gottesdienst gehört.

Richtig oder falsch: Lieber falsch als gar nicht singen.

Singen ist Emotion. Wer die Casting-Shows anschaut, merkt schnell, dass auch mal eine „Stimme mit Potential“ eine Chance bekommt – wenn da Leidenschaft drinsteckt. Also immer raus damit! Einziger Einwand: liturgisch ausführende Personen sollten sich immer auch ihrer Vorbildfunktion bewusst sein...

Wird die Orgel auch zukünftig in unseren Kirchen das zentrale Musikinstrument bleiben?

Wenn Sie mir eine Alternative anbieten können, die genauso festlich, faszinierend und vielfältig ist…

Sonntagmorgen als ganz normaler Gottesdienstbesucher: Freuen Sie sich aufs Singen?

Immer dann, wenn ich dabei authentisch begleitet werde.

Gibt es Musik, die Sie ablehnen?

„Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik“ – Wise Guys, 2001

Wie reagieren Sie, wenn jemand sagt: „Ich bin total unmusikalisch“?

Leider hat jemand das gesagt bekommen, genervte Eltern oder böse Freunde. Jemand wurde nie motiviert, Musik zu machen. Letztendlich ist jeder Mensch musikalisch. Einfach mal probieren! Mutig sein! Unterrichtsangebote nutzen, in einem Chor mit Gleichgesinnten treffen und unter der Dusche kräftig mitschmettern…

Muss man auch Musikhören üben?

Klar! Und das macht großen Spaß! Mit Kindern mache ich Rätsel, welche Instrumente sie hören, ob sie fröhliches und trauriges unterscheiden können, lautes und leises uvm. Irgendwann baut sich eine Routine auf, man schafft sich ein Repertoire irgendwo zwischen Gregorianik und aktuellen Charts und kann so offen ins Gespräch kommen.

 

WEITERE INFORMATIONEN

Herzliche Einladung zum Neujahrskonzert zu vier Händen und vier Füßen: Tasten- und Pedalfeuerwerk am 1. Januar 2020, 17 Uhr Stadtkirche Rotenburg. Stücke und Improvisationen von Martin Lehmann & Simon Schumacher, Eintritt frei.